Bereits am 3. Dezember 2023 verstarb im Alter von 83 Jahren der Geograph Prof. Dr. Dr. Bernd Wiese. Mit diesem verspäteten Nachruf soll an dieser Stelle seines Lebens und Wirkens erinnert werden.
Bernd Wiese wurde am 29. August 1939 in Köln geboren und absolvierte ein Studium der Geographie und Germanistik. 1967 promovierte er an der Universität zu Köln mit einer Dissertation über die „Terrassen des Ourtals“ (1969). 1977 folgte seine Habilitation, die sich mit einem weitaus komplexeren Thema befasste: „Die Blauen Berge (Mt. Bleus, Zaire). Bevölkerung und Wirtschaft eines äquatorialafrikanischen Berglandes“. Diese Arbeit trug zu einem besseren Verständnis der sozioökonomischen und kulturellen Strukturen in Zentralafrika bei und ebnete den Weg für zahlreiche weitere geographische und ethnographische Forschungen.
Bernd Wieses akademische Laufbahn blieb auch nach seiner Habilitation als Privatdozent (1977–1989) eng mit der Universität zu Köln verbunden, wo er seit 1990 als außerplanmäßiger Professor (apl. Prof.) tätig war. Sein Leben und Werk standen stets im Zeichen einer tiefen Verbundenheit mit der geographischen Wissenschaft und einer unermüdlichen Leidenschaft für die Auseinandersetzung mit Raum, Kultur und Geschichte. Er war ein Wissenschaftler, der den Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen im klassischen Sinne der Geographie suchte und stets nach interdisziplinären Lösungen strebte.
Erst nach seiner Pensionierung widmete sich Wiese intensiver der Historischen Geographie, der Kunstgeschichte und nicht zuletzt der Geschichte der Geographie. In diesem Zusammenhang kehrte er als Studierender noch einmal in die Hörsäle zurück. Da er erst spät zu diesem Forschungszweig fand, blieb der Umfang seiner geographiegeschichtlichen Publikationen begrenzt, doch die wenigen Werke, die er hinterließ, sind umso eindrucksvoller.
In seinem Buch „WeltAnsichten. Illustrationen von Forschungsreisen deutscher Geographen im 19. und 20. Jahrhundert“ (2011) beleuchtete Bernd Wiese die Rolle von Illustrationen in den Berichten und Reisestudien deutscher Geographen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dabei untersuchte er, wie diese visuellen Darstellungen nicht nur geografische Entdeckungen dokumentierten, sondern auch die verschiedenen Techniken von Zeichnung bis Fotografie widerspiegelten. Besonders im Kontext der kolonialen Expansion und des aufkommenden Imperialismus ging Wiese, wenngleich mit einem eher eurozentrischen Blick auf fremde Kulturen und Landschaften, detailliert auf die Nutzung, Funktionen und Darstellungstechniken von Bildern in geographischen Reiseberichten ein.
Ein zentrales Thema seiner Forschung war, wie sich die geographische Forschung und das Bild der Welt im Laufe der Zeit veränderten und wie Illustrationen dabei halfen, Wissen und Weltbilder zu konstruieren, die sowohl den wissenschaftlichen als auch den wirtschaftlichen und politischen Interessen der damaligen Zeit dienten.
Wiese interessierte sich vor allem für den Entstehungszusammenhang der Bilder und die Veränderung der Bildpraxis im Verlauf des „langen“ 19. Jahrhunderts, deren vielseitige Entwicklung er im Kontext nachzeichnete. Nach der Intention ihrer Schöpfer sollten die Landschaftsdarstellungen sowohl wissenschaftlichen als auch künstlerischen Zwecken dienen. Dass dies kein Widerspruch war, arbeitete er vor allem am Verhältnis von Zeichnung und Fotografie heraus und lieferte hierzu für die weitere Forschung anregende Überlegungen.
Sein letztes Werk widmete sich der bislang kaum behandelten „Geschichte der Geographie in der Frühen Neuzeit. Werke aus Bibliotheken von Jesuitenkollegien und Universitäten im Alten Reich“ (2018), einschließlich seiner Bildungs- und Wissenschaftsstrukturen. Im Fokus seiner Untersuchung standen Schlüsselautoren des 16. bis 18. Jahrhunderts wie Ortelius, Mercator, Cluverius und Sanson, die von den Zeitgenossen als führende Geographen angesehen wurden. Im Gegensatz zu heutzutage bekannteren Autoren wie Varenius oder Kant konzentrierte sich Bernd Wiese auf rund 30 eher unbekannte Werke und wertete hierfür erstmals die Sammlungen von Jesuitenbibliotheken und Universitäten aus, die einen Zeitraum von 1500 bis 1810/20 umfassten. Diese Arbeit hob sich auch durch die umfangreiche Dokumentation einer vielfältigen, konfessionsübergreifenden Literatur von Lehrbüchern, Atlanten und Länderkundebüchern ab.
Alle seine Arbeiten zeichneten sich durch die sorgfältige Auswertung historischer Text- und Bildquellen sowie der aktuellen Forschungsliteratur aus. Darüber hinaus legte Bernd Wiese großen Wert auf eine reichhaltige Bebilderung und ließ seine Bücher in entsprechend großen Formaten drucken, die somit nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch ansprechend waren.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Bernd Wiese auch als Förderer der Wissenschaft aktiv. Zusammen mit seiner Frau Renate gründete er 2015 eine Stiftung unter dem Dach des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds. Diese Stiftung unterstützt begabte Studierende in den Fachbereichen Geowissenschaften, Musik sowie den Geschichtswissenschaften und trägt dazu bei, jungen Talenten den Weg zu einer akademischen Laufbahn zu erleichtern.
Wir werden Dr. Bernd Wiese als einen inspirierenden Geographen, engagierten Lehrer und großzügigen Förderer der Wissenschaft in ehrender Erinnerung behalten